NSG Boberger Niederung

Das 350 ha große Naturschutzgebiet liegt im Bezirk Bergedorf. Auf relativ kleinem Raum vereinigt es eine ganze Reihe unterschiedlicher Lebensräume. Die naturräumlichen Gegebenheiten zusammen mit den anthropogenen Nutzungen haben zu einer Landschaft mit außergewöhnlich hoher Pflanzenartenvielfalt geführt. Das Schutzgebiet wird von einer Arbeitsgemeinschaft aus Vertretern von vier Naturschutzverbänden betreut (GÖP-Gesellschaft für ökologische Planung, Botanischer Verein, NABU und BUND).

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Die oberen 4 Bilder:
Das Boberger Gebiet besitzt auch heute noch immer eine äußerst reichhaltige und z.T. sehr seltene Flora, wie z. B. die Sumpf-Stendelwurz (Epipactis palustris, RL HH 1), und Fauna. Der Warzenbeißer (Decticus verrucivorus) kommt in Trockenrasen, Heiden, aber auch in Feuchtwiesen vor.Früher ließ man diese Laubheuschrecke in Warzen beißen, weil man glaubte, die Verdaungssäfte würden diese zum Verschwinden bringen. Der Wiesengrashüpfer (Chorthippus dorsatus) ist eine Feldheuschrecke, die bevorzugt auf mäßig trockenen, frischen und feuchten Wiesen vorkommt.

Die unteren 4 Bilder:
Das Sumpf-Herzblatt (Parnassia palustris, RL HH 1) hat langestielte, herzförmige Grundblätter. Die 5 Kronenblätter sind gestreift. Die Art lebt auf mehr oder wenigen nassen Böden, oft in flachmoorigen Gesellschaften. Die Schwalbenwurz (Vincetoxicum hirundinaria
, RL HH R) bevorzugt wärmeliebende Gebüsche und Säume. Die giftige Art aus der Familie der Asclepiadaceae (Seidenpflanzengewächse) ist eine sog. Klemmfallenblume.

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Der Bereich zwischen Billwerder, Kirchsteinbek und Lohbrügge, in dessen Kernbereich das heutige Naturschutzgebiet Boberger Niederung liegt, ist ein klassisches Exkursionsgebiet Hamburger Botaniker. In seinen Tagebüchern hat Franz Elmendorff, der damalige Vorsitzende des Botanischen Vereins, schon 1934 die Pflanzen-Schätze von Boberg aufgeführt. Zwei Mitglieder des Botanischen Vereins, Hans-Ulrich Höller und Friedrich Mang, legten 1984 eine Artenliste des Gebietes vor, die fast 900 Sippen von Farn- und Blütenpflanzen umfasst, darunter allerdings auch viele Hybriden, Klein- und Unterarten. 1998 stellte Hans-Ulrich Höller, der das Gebiet ein Leben lang kannte, jedes Jahr botanische Exkursionen dort durchführte und sich mit dem Botanischen Verein erfolgreich für dessen Schutz einsetzte, fest, dass rund ein Viertel dieser Sippen heute verschwunden sind. Dennoch zeigt auch die aktuelle Kartierung, dass Boberg noch immer eine äußerst reichhaltige und z.T. sehr seltene Flora besitzt. Der Quadrant mit der höchsten Artenzahl in ganz Hamburg liegt im Ostteil des NSG Boberger Niederung, wo 470 verschiedene Pflanzenarten auf einem Quadratkilometer vorkommen.

Besonders bekannt ist die Boberger Düne. Es handelt sich um eine nacheiszeitliche Bildung. Als im Elbe-Urstromtal mit den Schmelzwasserabflüssen große Substratmengen abgelagert wurden, wehten die vorherrschend südwestlichen Winde deren Sandanteile meist am Nordrand der Talniederung zu hohen Dünen auf. Die Boberger Düne war ursprünglich 30 m hoch und sehr viel größer als heute. Sie war nach der Eiszeit bewaldet und wurde erst durch die Holznutzung und Beweidung des Mittelalters wieder frei gelegt. Im 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurden große Teile davon abgetragen und für den Ausbau der Eisenbahn Richtung Bergedorf und zur Erhöhung Billbrooks gebraucht. Reste haben sich bis heute erhalten und eingesandete Birken an ihrer Nordflanke zeigen, dass die Düne noch immer in Bewegung ist. Am Rand der heute von den Erholungssuchenden offen gehaltenen Sandflächen wachsen Sand-Segge (Carex arenaria) und Silbergras (Corynopherus canescens) sowie der zur Festlegung des Sandes einst gepflanzte Strandhafer (Ammophila arenaria).

Dort, wo die Düne vollständig abgetragen wurde oder der Sand nicht mehr vom Wind oder halblegalen Freizeitaktivitäten umgelagert wird, haben sich Sandtrockenrasen und Heiden gebildet. Hier wachsen u.a. Besenheide (Calluna vulgaris), Borstgras (Nardus stricta), Bergsandglöckchen (Jasione montana), Sand-Thymian (Thymus serpyllum), Hunds-Veilchen (Viola canina) und Ausdauernder Knäuel (Scleranthus perennis). An etwas feuchteren Stellen auch Glockenheide (Erica tetralix) und Kriech-Weide (Salix repens) in zwei Unterarten (ssp. repens und ssp. dunensis).

Im Ostteil des Gebietes, wo durch anthropogene Einflüsse der Sand höhere pH-Werte aufweist, kommt an einer Stelle noch das Blauschillergras (Koeleria glauca) vor, das hier in Boberg den nordwestlichsten Vorposten seines kontinentalen Verbreitungsgebietes hat. Es wird begleitet u.a. von der Karthäuser-Nelke (Dianthus carthusianorum), die ebenfalls etwas höhere Kalkgehalte des Bodens bevorzugt.

Im Naturschutzgebiet befinden sich aber auch typische Marschböden, die meist von beweidetem Grünland eingenommen werden. Ganz im Westen des Gebietes wachsen diese extensiv genutzten Weiden auf Niedermoorböden. Dort kommen in den ehemaligen Marschgräben Wollgras (Eriophorum angustifolium) und Sumpf-Blutauge (Potentilla palustris) vor. Stellenweise haben sich hier auf brach gefallenen Flächen Seggenrieder u.a. mit Schnabel-Segge (Carex rostrata) und Gelber Wiesenraute (Thalictrum flavum) gebildet.

Das Naturschutzgebiet grenzt an mehreren Stellen an die Bille, die seit dem 15. Jahrhundert durch die Umleitung des größten Teils des Oberwassers in Bergedorf in die Dove-Elbe zu einem kaum strömenden Altarm mit einer oft artenreichen Ufervegetation geworden ist. So wachsen hier beispielsweise große Bestände der Sumpf-Calla (Calla palustris).

Zwischen Düne und dem nördlichen Rand des Urstromtals befand sich nach der Eiszeit ein See, der im Laufe der Zeit verlandete und zu einem Erlenbruch auf Niedermoortorf wurde. Aber auch dieses Moorgebiet blieb nicht ohne menschliche Einflüsse. Der heutige Sumpfwald ist ein sekundärer Erlenbruch, denn die gesamte Fläche wurde bis nach dem 2. Weltkrieg durch weitgehend gehölzfreie Moorwiesen eingenommen. Heute wachsen im Schatten der Erlen (Alnus glutinosa), Moor-Birken (Betula pubescens) und Lorbeer-Weiden (Salix pentandra) typische Bruchwaldarten wie Walzen-Segge (Carex elongata), Schwarze Johannisbeere (Ribes nigrum) und Gelbe Schwertlilie (Iris pseudacorus). Die heute im Wald liegenden beiden Achtermoor-Teiche entstanden nach dem 2. Weltkrieg, als mit Saugbaggern Niedermoortorf zur Brennstoffgewinnung abgebaut wurde. Am Rand der heute von einem Angelverein genutzten Teiche findet man u.a. den Fieberklee (Menyanthes trifoliata), den Straußblütigen Gilbweiderich (Lysimachia thyrsifolia) und im Wasser den Wasserschlauch (Utricularia vulgaris).

Botanisch besonders hochwertig ist die im Gebiet liegende, nach Südwesten exponierte Geestkante. Auch sie war bis Anfang des 20. Jahrhunderts durch Weidenutzung weitgehend frei von Gehölzaufwuchs. Hinzu kam, dass die angeschnittenen tonigen Bodenschichten seit dem 19. Jahrhundert abgebaut und für die Herstellung von Backsteinen verwendet wurden. Eine weitere Ziegelei nutzte den anstehenden Marschenklei südlich des Boberger Badesees.

Auf den durch die Ziegeleinutzung freigelegten basenreichen Lehmböden konnte sich eine mit Kalkflachmooren vergleichbare Vegetation ausbilden. Noch heute wachsen auf den Hangterrassen westlich und östlich des Boberger Krankenhauses viele seltene Arten wie Sumpf-Stendelwurz (Epipactis palustris), Breitblättriges Knabenkraut (Dactylorhiza majalis), Mücken-Händelwurz (Gymnadenia conopsea), Blaugrüne Segge (Carex flacca), Natternzunge (Ophioglossum vulgatum), Sumpfherzblatt (Parnassia palustris), Teufelsabbiß (Succisa pratensis), Zittergras (Briza media), Golddistel (Carlina vulgaris), Quellried (Blysmus compressus), Wenigblütige Sumpfsimse (Eleocharis quinqueflora), Schwarz-Weide (Salix myrsinifolia), Tausengüldenkraut (Centaurium erythraea), Purgier-Lein (Linum cartharticum) und Echte Goldrute (Solidago vigaurea).

An mehreren Stellen bilden Quellaustritte am Fuß der Geestkante Sonderstandorte mit eigenen kennzeichnenden Pflanzenarten wie Bitteres Schaumkraut (Cardamine armara), Sumpf-Pippau (Crepis paludosus), Gegenblättriges Milzkraut (Chrysosplenium oppositifolium), Geflügelte Braunwurz (Scrophularia umbrosa) und Kleinem Baldrian (Valeriana dioica).

An vielen Stellen des einst baum- und straucharmen Gebietes haben sich seit Mitte des 20. Jahrhunderts als Folge der natürlichen Sukzession Birken-Pionierwälder ausgebreitet. Sie zeichnen sich auf sandigem Substrat durch eine hohe Beimischung aus Eichen (Quercus robur) aus. An einigen Stellen der Düne verjüngt sich auch die Kiefer (Pinus sylvestris), die hier am Westrand ihres natürlichen mitteleuropäischen Vorkommens wächst. In der Krautschicht kommen an wenigen Stellen der Fichtenspargel (Monotropa hypopites) und der Salbei-Gamander (Teucrium scorodonia) vor. Auf den lehmigeren Standorten der Hangterrasse sind den Birken-Pionierwäldern zahlreiche weitere Gehölze beigemischt. Neben Eichen sind es Schwarz-Erlen (Alnus glutinosa), Berg-Ahorn (Acer pseudoplatanus), Spitz-Ahorn (Acer platanoides), Weißdorn (Crataegus monogyna) und zahlreiche neophytische, teils wärmeliebende Gehölze aus den umliegenden Siedlungsgebieten wie Späte Traubenkirsche (Prunus serotina), Mahonie (Mahonia aquifolium), Holländische Linde (Tilia x vulgaris), Liguster (Ligustrum vulgare), Kultur-Apfel (Malus domestica) und Walnuß (Juglans regia). Auch die Pionierwälder auf lehmigem Standort bergen einige floristische Besonderheiten wie das Kleine und das Rundblättrige Wintergrün (Pyrola minor und P. rotundifolia), das Zweiblatt (Listera ovata), die Schwalbenwurz (Vincetoxicum hirundinaria) und den Winter-Schachtelhalm (Equisetum hyemale). Vereinzelte Rotbuchen (Fagus sylvatica) in der Kraut- und Strauchschicht deuten an, dass die derzeitigen Gehölzbestände des Naturschutzgebietes keine stabilen Klimaxgesellschaften sind, sondern sich langfristig in Buchenmischwälder verwandeln werden.

Obwohl es der natürlichen Entwicklung entspricht, ist der zunehmende Gehölzbewuchs der Naturschutzgebietsflächen das Hauptproblem für den floristischen Artenschutz, da alle Pflanzen der verschiedenen Offenland-Biotope ohne entsprechende Pflegeeingriffe langfristig verschwinden würden. Seit einigen Jahren wird deshalb mit einer gehüteten Schafherde versucht, insbesondere die Heide- und Trockenrasenstandorte in ihrer heutigen Qualität zu erhalten oder diese zu verbessern. Es hat sich dabei herausgestellt, dass die Schafe einige der sehr seltenen Arten, wie z.B. die genannten Orchideen, das Blauschillergras oder die noch vor ein paar Jahren sehr viel häufigere Hundszunge (Cynoglossum officinale) bevorzugt fressen, so dass man die Schafe aus botanischer Sicht nicht auf alle Flächen lassen kann und eine regelmäßige Pflegemahd bzw. ein gelegentliches Entkusseln zuwachsender Flächen unverzichtbar ist.

Gebietsbetreuer Ingo Brandt

 

Karte NSG Boberger Niederung

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