Nachdem es am Mittag zu schneien aufgehört hat, habe ich auf der weißen Schneefläche und auf dem Gehweg die Früchte vom Feldahorn entdeckt. Ein paar Meter weiter auch Lindenfrüchte und Flügelnüsse von der Hainbuche, dann Esche und Bergahorn und schließlich auch noch Hülsen der Robinie. Gestern waren sie noch nicht dort, jedenfalls nicht in diesen Mengen. Auf dem weißen Untergrund sind sie nicht zu übersehen, und ich hätte sie vorher sicher bemerkt, weil ich mich schon seit ein paar Tagen mit dem Phänomen “Wintersteher“ beschäftige. Das sind Pflanzen, die ihre Samen und Früchte nicht im Sommer frei setzen, wenn sie reif sind, sondern damit bis in den Winter oder sogar bis ins nächste Frühjahr warten. Wie beispielsweise das Schilf, bei dem das erst Anfang Mai passiert.

Unter den Bäumen gehören bei uns dazu Feldahorn und Bergahorn, Sommerlinde und Holländische Linde, Esche, Hainbuche; Götterbaum, der Tulpenbaum Liriodendron tulipifera, im weiteren Sinne auch die Platane, die Hängebirke oder die Robinie. Nicht dazu gehören beispielsweise Eichen, Buchen, Edelkastanie und Rosskastanie und viele Beerenfrüchte, aber der Schneeball Viburnum lantana ist ebenfalls ein Wintersteher.

Die meisten Wintersteher haben einen ähnlichen Fruchttyp und ein ähnliches Ausbreitungsverhalten. Es sind sogenannte Samaren, zu Deutsch Flügelnüsse, mit mittelgroßen und halbwegs nahrhaften Samen und einem Flugorgan, mit dessen Hilfe die vom Wind ausgebreitet werden. Dies Schraubenflieger-Prinzip ist ja allgemein bekannt. Die meisten Früchte segeln im Herbst zu Boden. Aber warum behalten die Bäume einen so großen Teil davon zurück?

Vermutung eins: Die Winde erreichen bei uns im Winter höhere Geschwindigkeiten und werden nicht durch das Laub gebremst. Dadurch können die Früchte zu dieser Jahreszeit weiter verweht werden als im Herbst. Das ist für die Ausbreitung günstig. Diese Annahme hat viel für sich.

Vermutung zwei: Die Strategie „Wintersteher“ könnte auch einen effizienten Schutz bieten gegen Fraßfeinde. Da sie für Eichhörnchen nicht genug bieten, dürften dies vor allem Mäuse sein. Auf den Bäumen sind sie vor ihnen sicher, und wenn sie schließlich im Dezember oder Januar oder sogar noch später weitab vom Mutterbaum zu Boden fallen, befinden sich Samenfresser in der winterlichen Ruhephase. Was für diese Annahme spricht: Unter der Sommerlinde und der Holländischen Linde habe ich im Herbst an ein paar geschützten Stellen Früchte gefunden, die von Kleinsäugern aufgenagt wurden. Da diese dabei einen unordentlichen und fransigen Rand hinterlassen haben, vermute ich, dass es Gelbhalsmäuse waren, aber ich lasse mich gern von einem Säugetierexperten korrigieren. Soweit ich sehe, haben die Wintervögel die Früchte am Boden noch nicht angerührt.

Die beiden genannten Linden lassen sich übrigens anhand ihrer Früchte leicht und fast besser als am Laub unterscheiden, siehe dazu die Abbildung. Die wenigen Winterlinden in meinem Stadtteil haben dieses Jahr keine reifen Früchte gebildet.

Aber warum diese merkwürdige Timing? Warum warten die Bäume bis auf den Schnee? Ob der Frost durch Eisbildung im toten Gewebe beim Absprengen der Früchte hilft? Das würde auch erklären, warum gerade heute so viele abgeworfene Zweige unter den Birken und Linden liegen. Bei den Früchten liegt der Nutzen für die Pflanze wahrscheinlich darin, dass die glatte Schneefläche ein ideales Gelände bietet, um die Flügelfrüchte auf dem Boden mit dem Wind weit weg zu rollen oder taumeln zu lassen. Von der Robinie wird berichtet, dass in ihrer amerikanischen Heimat die einzelnen Hülsen auf einer Schneeoberfläche bis fast siebzig Meter weit verweht werden können, und dass dies dort eine der wichtigsten Ausbreitungsmethoden für die Art ist.

Hans-Helmut Poppendieck, Januar 2026

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