Wo können Kinder heute noch Wildbumensträuße pflücken? Genau dort, wo auch Bienen, Schwebfliegen und Schmetterlinge ausreichend Nahrung finden. Wir alle wissen: Davon gibt es nur noch wenige Stellen. Eine davon liegt am Am Weg beim Jäger zwischen Flughafenzaun und Airport Cargo Center, zwischen Sportallee und Obenhauptstraße. Alles haben es hier eilig: Autofahrer, Fahrradfahrer und die Touristen mit ihren Rollkoffern auf dem Weg zu den Terminals. Ich und meine beiden Enkelinnen, fünf und sieben Jahre alt, hatten Zeit – Zeit, um schöne bunte Wildblumensträuße zu pflücken.

Ruderalstreifen am Weg beim Grünen Jäger 2018Das war im Sommer 2016. Ein Jahr später habe ich die Fläche kartiert und auf dem 180 Meter langen und maximal 6 Meter breiten Streifen rund 67 Wildpflanzen gefunden. Davon waren 46 „Blumen“, also Pflanzen, die von Insekten besucht und bestäubt werden: Rainfarn, Wiesen-Flockenblume, Johanniskraut, Weiße Lichtnelke oder Wildes Stiefmütterchen. „Starker Besuch von Bienen und Hummeln“, habe ich notiert. Eine botanische Besonderheit ist die Schlitzblättrige Karde, die bis zu drei Meter hoch werden kann. Sie ist aus Hamburg nur von drei Stellen bekannt und kommt hier kontinuierlich seit dem Jahre 2003 vor. Das ist insofern bemerkenswert, weil es eine zweijährige Art ist, die sich immer wieder neu aussäen muss, und dafür offene Störstellen braucht. Störung schafft Kontinuität lautet die zunächst paradox klingende Devise.

Störungen hat es hier in den letzten 15 Jahren hier allerdings reichlich gegeben. Früher gab es hier Kleingärten. Die mussten in den 1980er Jahren einem Parkplatz weichen. Heute steht hier das Airport Cargo Center. Der Randstreifen zur Straße hin war zwischen 2000 und 2013 vergrast und locker mit wild aufgewachsenen Bäumen bestanden. Die Flughafenverwaltung achtete darauf, dass sie nicht zu groß wurden und schnitt sie regelmäßig zurück; immerhin liegen wir hier in der Einflugschneise. Im Jahr 2015 wurde der Streifen vollständig gerodet, anschließend setzte bereits 2016 die spontane Neubegrünung ein, auf einem Bodenmix von Mutterboden und aufgeschüttetem Sand, und ohne dass irgendwer irgendwas angesät hatte. Dank dieses Bodenmix finden wir hier eine Mischung aus Beifuß-Rainfarn-Fluren auf humosem Boden und Natternkopf-Steinklee-Fluren auf eher sandigem Substrat.

Angesäte Blühstreifen sind heute sehr populär. Aber welcher Blühstreifen kann es an Artenreichtum mit unserer spontanen Wegrandflora aufnehmen? Und bitteschön: Es fallen kaum Kosten an, weder für die Herrichtung der Fläche noch für die Pflege. Betreut wird die Fläche von der Flughafenverwaltung. Ein meterbreiter Streifen am Zaun wird freigehalten, darüber hinaus ist nicht einmal eine Mahd notwendig. Die aggressive Armenische Brombeere wird regelmäßig zurückgeschnitten. Sonst reicht es aus, alle zwei, drei Jahre mit grobem Gerät über die Fläche zu gehen, um die Gehölze zurückzudrängen und neue Störstellen zu schaffen. Und so etwas braucht nicht nur die Karde, wohlgemerkt, sondern das brauchen auch bodenbrütende Bienen und andere Insekten.

Artenreiche Ruderalflora prägte früher großflächig das Bild der Stadt. Es gab sie auf Brachflächen, auf Güterbahnhöfen, im Hafen, auf Bauerwartungsland. Diese bunte Flora ist heute in unserer grüngepflegten Stadt nahezu verschwunden. Man muss bunte bienenfreundliche  Ruderalflächen wie die am Weg beim Jäger daher heute mit der Lupe suchen. Dabei sind sie schön, ökologisch wertvoll und preiswert. Woran es hapert? Man muss ihren Wert erkennen und sie anständig behandeln, und das heißt: wenig, aber dann das richtige tun. Das ist aber leider schwieriger, als im Büro einen Plan zu zeichnen, die Flächen landschaftsgärtnermäßig mit bindigem Boden zu bedecken und Rasen oder einen Blumenmix aus dem Katalog einzusäen, und dann der heute üblichen 08/15-Pflege zu überlassen. Allerdings kann an solchen bunten Ruderalflächen niemand was verdienen, und das dürfte der wesentliche Grund dafür sein, warum sie bei der Grünen Zunft in Hamburg so unpopulär sind. Daher meine Bitte an die Hamburger Naturfreunde: Meldet uns solche Flächen und helft mit, sie zu erhalten. Für die Blumen und die Bienen, und damit unsere Kinder Wildblumensträuße in der Stadt pflücken können.Schlitzblaettrige Karde Dipsacus am Weg beim Grünen Jäger 2018

Herzlicher Dank an Egbert Willing (Bezirksamt Hamburg-Nord), Ingo Fehr (Hamburg Airport) und Manuel Pützstück (Deutsche Wildtierstiftung) für die Kooperation bei der Erhaltung dieser schönen Fläche.

Hans-Helmut Poppendieck

Alle Photos © Poppendieck

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