Sie sind sehr selten. Es ist ein Glücksfall, wenn man sie findet. Aber ein Glück allein reicht nicht aus, denn man muss schon wissen, dass es so etwas überhaupt gibt. Und genau hinschauen muss man auch, denn sie sind wenig auffällig. Und auch nicht sehr fotogen.
Ich habe fruchtende Scharbockskräuter zum ersten Mal am 3. Mai 2004 gefunden, am Hang des Neuengammer Hauptdeiches zur Dove-Elbe hin. Das hat mich so erstaunt, dass ich die Früchte gesammelt und von Dr. Petra Schwarz von der Abteilung Saatgutprüfung auf Lebensfähigkeit habe testen lassen, mit dem dafür üblichen Tetrazolium-Test: Sie waren lebensfähig. Ich habe sie auch im Botanischen Garten aussäen lassen: Sie sind gekeimt und haben sich zu kräftigen Pflanzen entwickelt. In den Jahren darauf habe ich sie auch im Wald von Kalkhütte bei Ratzeburg und sogar im Botanischen Garten in Klein-Flottbek gefunden. All diese Standorte habe ich dann im jeweils folgenden Jahr wieder aufgesucht, aber vergebens. Fruchtende Scharbockskräuter habe ich dort nicht wieder gefunden. Offenbar handelt es sich in unserer Gegend um ein unbeständig auftretendes Phänomen. In anderen Gegenden Mitteleuropas mag das anders sein, um Breslau beispielsweise sollen fruchtende Scharbockskräuter in den 1920er Jahren häufiger vorgekommen sein. Die damals um 2004 verfügbare Literatur erschien mir widersprüchlich. Danach erlahmte erst einmal mein Interesse.
Frucht des Scharbockskrautes aus Neuengamme mit Embryo. Lebendes Gewebe im Tetrazolium-Test rot gefärbt. Abt. Saatgutprüfung 2004
Zum taxonomischen Hintergrund nur so viel: Die in Deutschland vorkommenden Scharbockskräuter gehören zu Ficaria verna im engeren Sinne; ein früherer Namen der Sippe war Ranunculus ficaria subsp. bulbilifer. Sie zeichnet sich dadurch aus, dass sie sich fast ausschließlich durch Brutknollen vermehrt, die in den Achseln der Blätter gebildet werden. Aber es gibt Ausnahmen, und dazu gehören die oben und weiter unten erwähnten Vorkommen: Seltene sexuelle Ausreißer in einer sich sonst nur vegetativ fortpflanzenden Art. Es gibt allerdings noch die im Mittelmeergebiet heimische, nahverwandte Art Ficaria calthifolia, die regelmäßig Früchte bildet, in Deutschland aber extrem selten ist und bislang nur aus dem sächsischen Elbtal und aus Würzburg gemeldet wurde. Im Gegensatz zu Ficaria verna bildet sie Blattrosetten und hat einen völlig anderen Habitus als all die fruchtenden Scharbockskräuter, die ich bislang in Norddeutschland gesehen habe.
Zur Ausbreitungsbiologie: Die Pflanze gilt als myrmekochor, also als eine von Ameisen ausgebreitete Sippe, die Basis der Früchte ist als Futterkörper (Elaiosom) ausgebildet und enthält Stärke, Zucker, Fette und Vitamin C. Die reifen Früchte sind eiförmig, an der Basis etwas heller, und fein behaart. Und es gibt noch eine weitere Kuriosität. Die Sämlinge entwickeln nur ein einziges Keimblatt. Das Scharbockskraut gehört zusammen mit den Lerchenspornen und den Alpenveilchen zu den großen Ausnahmen, zu den „einkeimblättrigen Zweikeimblättlern.“
In diesem und in den vergangenen Jahren habe ich wieder fruchtende Scharbockskräuter gefunden, und das hat mein Interesse erneut angefacht. Zuerst im Jahre 2023 im Jenischpark am Rand der Feuchtwiese südlich der schrägen Eiche. Dann vor einer Woche im Botanischen Garten in Klein-Flottbek östlich des ehemaligen Bibelgartens. Und schließlich am 1. Mai 2026 in großer Menge in den Wäldern bei der Rohlfshagener Kupfermühle entlang einer Wegstrecke von mehreren hundert Metern. Es dürfte sich um einen einzigen Klon handeln. Hier die UTM-Koordinaten: X 32588690, Y 5957507.
Wenn Sie selbst auf die Suche gehen wollen: Jetzt genau ist die richtige Zeit. Schauen Sie auf die Scharbockskräuter in den Wäldern, in den Hecken und auf den Rasenflächen, ob Sie dort nicht fruchtende Exemplare finden. Und wenn Sie welche gefunden haben, machen Sie ein möglichst scharfes Foto davon und schicken es mir. Darüber würde ich mich sehr freuen.
Wer mehr über das Scharbockskraut wissen möchte, für den gibt es spannende Lektüre.
Eine sehr lesenswerte Darstellung, die alles, aber wirklich alles Wissenswerte über das Scharbockskraut enthält, bringt Ehrhardt Seifert:
https://www.zobodat.at/pdf/Veroeff-Mus-Natkde-Chemnitz_38_0091-0134.pdf
Und die erschöpfende taxonomische Monografie über die Gattung Ficaria in Mitteleuropa findet man – im Stile des alten Hegi, nur weitaus ausführlicher – bei Gutermann unter: https://www.flora-deutschlands.de/files/Ranunculaceae-Ficaria.pdf