Jetzt blühen sie, und jetzt sollten Sie sich die Lerchensporne genauer ansehen!

In unseren Parks und Gärten kommen zwei Lerchensporn-Arten vor, der eher seltene Hohle Lerchensporn Corydalis cava, und der häufigere Gefingerte Lerchensporn Corydalis solida. Die Namen beziehen sich auf die Gestalt der Knolle, aber die lassen wir hübsch im Boden. Wir werden uns hier mit den Blüten, den Samen und den Keimlingen beschäftigen, die bei beiden Arten sehr ähnlich sind. Den komplizierten Bau der Blüten kann ich hier nur kurz streifen. Es gibt zwei größere äußere Blumenkronblätter, von denen das obere in einen langen Sporn ausläuft, in dem Nektar aufbewahrt wird; und zwei kleine innere Staubblätter, die an der Spitze zusammengewachsen sind und eine Art Kappe über den Staubblättern und der Narbe des Griffels bilden. Wenn Bienen die Blüten besuchen, um mit ihren Rüssel Nektar aus dem langen Sporn zu saugen, klammern sie sich an dieser Kappe fest, drücken sie durch ihr Gewicht nach unten, streifen die Narbe, laden dort den mitgebrachten Pollen ab und beladen sich mit neuem Pollen. Eine ziemlich wackelige Angelegenheit!

Nektarraub und Nektardiebstahl: Hummelköniginnen, die im Frühjahr auf Nahrungssuche sind, haben für so etwas keine Zeit und machen es sich leichter: Sie beißen brutal den Sporn auf und schlürfen dann den Nektar von hinten aus. Das dürfte kaum im Sinne des Lerchensporns sein, denn die Hummeln tragen auf diese Weise ja nicht zur Bestäubung bei. Man spricht von Nektarraub, weil die Hummeln offensichtlich Gewalt anwenden. Und nun kommen schlaue Bienen, nutzen die von den Hummeln geschaffenen Löcher aus, und holen sich ebenfalls Nektar von hinten aus dem Sporn. Da sie keine Gewalt anwenden, handelt es sich hier nicht um Raub, sondern um Nektardiebstahl, und damit um ein minder schwerwiegendes Delikt.

Siehe dazu unsere Abbildung, die aus einem alten Bilderbuch der niederländischen Schokoladenfirma Verkade stammt. Auch auf unserem Scan des Blütenstandes von Corydalis cava  sind die Löcher im Sporn gut zu sehen. Noch schönere Bilder dazu findet man auf den Seiten

Nektarraub ist ein faszinierendes Phänomen. Die Intensität kann von Jahr zu Jahr schwanken, es kommt darauf an, ob die Erdhummelköniginnen zur Blütezeit des Lerchensporns schon unterwegs sind oder nicht. In diesem Jahr scheint das der Fall zu sein, denn ich habe an vielen Stellen in der Stadt aufgebissene Sporne gefunden. Im letzten Jahr war das anders, da waren an den meisten Stellen die Sporne intakt geblieben. Die zeitliche Verschiebung zwischen Blütezeit und der Aktivität der Blütenbesucher ist gerade in Zeiten des Klimawandels ein interessantes Phänomen; man bezeichnet man im Englischen als „missmatching“. Ob man so etwas für ein Monitoring der Hummelpopulationen nutzen kann? Man weiß so wenig. Erstaunlicherweise scheint vermehrter Nektarraub den Samenansatz der Lerchensporne aber nicht zu beeinträchtigen, wie amerikanische Botaniker schon vor vielen Jahren herausgefunden haben.

Das Keimblatt-Paradox. Rund um die blühenden Lerchenspornpflanzen kann man jetzt Jungpflanzen und Keimlinge beobachten. Und siehe da: Die Keimlinge haben nur ein Keimblatt, obwohl die Erdrauchgewächse doch eindeutig zu dem Zweikeimblättrigen Pflanzen gehören und beispielsweise weder zerstreute Leitbündel noch  parallelnervige Blätter haben, wie das bei den Monokotylen sonst ja üblich wäre. Tja, so etwas gibt es halt hin und wieder. Und es gibt sogar noch zwei weitere heimische Gattungen von Zweikeimblättlern mit nur einem Keimblatt, nämlich das Alpenveilchen und das Scharbockskraut. Beim letzten kann man das allerdings nur im Mittelmeergebiet nachvollziehen, denn die bei uns vorkommende Kleinart Ficaria verna s.str. setzt nur ausnahmsweise Samen an.

Lerchensporne und Ameisen. Wir brauchen nur drei Wochen zu warten, und dann sind bei den Lerchenspornen schon die Samen reif. Es lohnt sich, sie genauer anzusehen, denn sie sind schön schwarzglänzend und haben weiße, an kleine Würmer erinnernde Anhängsel, die als Elaiosomen oder Ameisenbrot bezeichnet werden. Ameisen schleppen sie in ihre Bauten und füttern ihren Nachwuchs damit, die Samen lassen sie liegen oder entsorgen sie. Wenn Sie in Ihrem Garten mit einem Mal Lerchensporne an Stellen finden, wo es früher keine gegeben hat, dann wissen sie jetzt: Das haben die Ameisen gemacht.

Hans-Helmut Poppendieck, 08. April 2021

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