Die Geschichte des Vereins

125 Jahre Botanischer Verein zu Hamburg und 225 Jahre Botanisieren in Hamburg

Um 1800: Beginn der botanischen Erforschung von Hamburg und Umgebung.

Das älteste Dokument zur botanischen Erforschung Hamburgs ist eine getrocknete Pflanze, die im Herbarium der Universität Hamburg aufbewahrt wird. Es ist ein Exemplar der Wendelähre Spiranthes spiralis, einer seltenen Orchidee, die Johann Nicolaus Buek sr. (1736-1814) im Jahre 1790 am Elbhang des heutigen Stadtteils St. Pauli sammelte. Damals konnte man in unserer Gegend noch unbekannte Pflanzenarten als neu für die Wissenschaft entdecken. Der Berliner Botaniker Friedrich Gottlob Hayne (1763-1831) beschreibt im Jahre 1797 den Scheiden-Geldstern Gagea spathacea aus dem Hinschenfelder Gehölz und 1798 den Mittleren Sonnentau Drosera intermedia aus dem Eppendorfer Moor.

1851: Otto Wilhelm Sonder und die Flora Hamburgensis

Die erste vollständige Erfassung der Hamburger Pflanzenwelt wird vorgelegt vom Apotheker Otto Wilhelm Sonder (1812-1881), der zehn Jahre lang die Hamburger Gegend zu Fuß durchwandert hatte. Das ungemein genaue und umfassende Werk dient noch heute den Hamburger Botanikern als Referenz. Sonder war nicht nur Lokalflorist, sondern ein international höchst renommierter Wissenschaftler, Spezialist für australische Meeresalgen und zu seiner Zeit der beste Kenner der südafrikanischen Flora.

1891: Justus Schmidt gründet den Botanischen Verein zu Hamburg

Die Vereinsgründung durch den Lehrer Justus Schmidt (1851-1930) leitet das Goldene Zeitalter der regionalen Botanik ein. Wichtigste Vereinsziele sind die Erforschung der heimischen Flora und die Verbreitung von botanischen Kenntnissen. Der Aktionsradius der Hamburger Botaniker reicht inzwischen von Itzehoe bis Wittenberge und von Lüneburg bis Bad Segeberg. Im Hafen und an vielen Stellen der rasch angewachsenen Großstadt trifft man fremdländische Gewächse an, die durch den Handel aus aller Welt zu uns gekommen sind – sogenannte Adventivpflanzen. Kiesgruben, Schuttplätze oder Industrieanlagen wie die Wollkämmerei Wilhelmsburg oder die Dampfmühle Wandsbek sind besonders reich an solchen Pflanzen und werden gern auf Exkursionen aufgesucht.

Ab 1900: Paul Junge, Wilhelm Heering und die frühe Naturschutzbewegung

Der Botanische Verein macht bei der Erforschung der heimischen Flora große Fortschritte. Noch ist der ganze Reichtum vorhanden. Aber die Hamburger Botaniker bemerken schon jetzt den Rückgang naturnaher Lebensräume im Umfeld der wachsenden Stadt:

„Die ungeahnte Ausdehnung der Stadt, die Anlage neuer Häfen und die Regulierung und Kanalisierung mehrerer Flussläufe ließen ganze Gebiete verschwinden, an denen man früher mit geringer Mühe und unbedeutenden Kosten eine reiche Ausbeute an Pflanzen machen konnte. Immer mehr war der Sammler gezwungen, weite Strecken zu Fuß oder mit der Straßen- resp. Eisenbahn zurückzulegen, um selbst häufige Bürger unserer Flora fürs Herbar zu beschaffen.“

Die beiden bedeutendsten Botaniker dieser Zeit sind der Lehrer und Kurator Wilhelm Heering (1876-1916), ein Pionier der Naturschutzbewegung. Er erstellt ein Kataster der schützenwerten Bäume in Schleswig-Holstein und setzt sich für die Errichtung von Moorschutzgebieten ein. Und der Lehrer Paul Junge (1881-1919), der zahlreiche Arbeiten zur norddeutschen Pflanzenwelt verfasst und eine neue Flora von Hamburg schreibt sowie die erste Monographie über eine Hamburger Spezialität, den Schierlings-Wasserfenchel Oenanthe conioides.

1920-1950: Heinrich Röper und Franz Elmendorff– Botanik zwischen den Kriegen

Der Erste Weltkrieg und die wirtschaftliche Not in der Weimarer Republik bringen viele Aktivitäten zum Erliegen. In den 1920er Jahren bestimmen kenntnisreiche Spezialisten das Profil des Vereins: Der Mooskundler Rudolf Timm (1859-1939), der Flechtenspezialist Friedo Erichsen(1867-1945), der heute noch durch den „Schmeil-Fitschen“ bekannte Gehölzkenner Jost Fitschen(1869-1947 oder der Moorforscher und Paläontologe Max Beyle (1865-?). Der Verein wird von 1924 bis 1946 geleitet von Heinrich Röper, einem Allround-Botaniker und Spezialisten für Weiden (Gattung Salix), Laichkräuter (Gattung Potamogeton) und für die niederdeutsche Volksbotanik. Die Exkursionen leitet zum großen Teil der spätere Vorsitzende Franz Elmendorff (1900-1973), der darüber penibel Buch führt. Der Botanische Verein beteiligt sich an der Floristischen Kartierung Deutschlands. Im Jahre 1943 gibt es einen harten Rückschlag: Die Vereinsbücherei und das Vereinsarchiv mit 90.000 Datensätzen zur Flora von Hamburg werden im Bombenkrieg zerstört.

Die Exkursionen gehen auch im Krieg weiter! Im Mai 1942 durchwandern Elmendorff und seine Mitstreiter das Hellbachtal bei Mölln. Selbst im Jahre 1944 werden noch 10 Exkursionen durchgeführt, etwa zur Ochsenkoppel beim Forst Tiergarten, in die Fischbeker Heide und nach Boberg. Im Januar 1945 ist die Vereinsbibliothek durch Spenden der Mitglieder bereits wieder auf 100 Titel angewachsen.

1950-1975: Die große Zeit der Pilzkunde beginnt

Seit 1955 gibt der Verein jährliche Berichte über die Veranstaltungen heraus, zunächst in hektographierter Form. Sie enthalten umfangreiche Pflanzenlisten von den Vereinsexkursionen, die heute als Quelle für den Florenwandel in Hamburg sehr wertvoll sind. Die Berichte stammen unter anderem von Adolf Assmann, Franz Elmendorff, Emma Ritter, Paula Schlichtkrull oder Walter Schwieger. Bemerkenswerte Einzelfunde sind der Weidenblatt-Ampfer Rumex triangulivalvis, die Siegebeckie Siegesbeckia orientalis und das Behaarte Schaumkraut Cardamine hirsuta, das damals im Gegensatz zu heute offenbar noch sehr selten war.

Im Botanischen Verein sind jetzt viele engagierte Pilzkundler (Mykologen) aktiv, vor allem Erich Jahn, Lotte Findeisen, Walter Neuhoff und Adolf Wenske. Im Jahre 1979 gründet Till R. Lohmeyer die Arbeitsgruppe Mykologie, die bis heute besteht und bedeutende Beiträge zur Erforschung der Pilzflora von Deutschland leistet.

Die letzten 40 Jahre: Von 1975 bis heute:

Natur- und Umweltschutz haben in der Nachkriegszeit keine große Rolle gespielt. Erst in den 1970er Jahre werden sie zu einem zentralen politischen Thema. Mit seinem Aufsatz „Was kann der Botanische Verein für den Naturschutz tun?“ leitet der 2. Vorsitzende Horst Bertram die Neuorientierung des Vereins ein, der sich ab jetzt als „Verein für Pflanzenkunde, Naturschutz und Landschaftspflege“ versteht: Er ist heute gleichzeitig als wissenschaftlicher Fachverband, als politischer Umweltverband und auf dem Gebiet der Umweltbildung aktiv.

Seit Anfang der 1980er Jahre ist der Botanische Verein anerkannter Umweltverband. Er nimmt Stellung zu umweltpolitischen Fragen und betreut heute 14 Schutzgebiete, überwiegend in Kooperation mit anderen Verbänden und mischt sich immer dort ein, wo die heimische Pflanzenwelt Schaden zu nehmen droht.

Seit 1992 führt der Verein das Umweltbildungsprojekt Naturkundliche Streifzüge durch (seitdem weit über 100 Mitarbeiter).

Seite 1995 organisiert der Verein in Kooperation mit der Hamburger Umweltbehörde die Floristische Kartierung von Hamburg. Er ist Träger der Regionalstelle Hamburg für den Pflanzenartenschutz mit rund 50 ehrenamtlichen Mitarbeitern. Einen vorläufigen Abschluss bildet der 2011 (2. Auflage) erschienene „Hamburger Pflanzenatlas“. Die Kartierungen gehen weiter und finden Eingang in bundesweite Projekte wie den Verbreitungsatlas und die Rote Liste der Farn- und Blütenpflanzen.

Die Publikationen des Vereins umfassen die jährlich erscheinenden

Wichtige Sonderprojekte des Vereins ab 2000 sind das E+E-Vorhaben Schierlings-Wasserfenchel (20002004), die Einrichtung von Entdeckerstationen im Alten Botanischen Garten, die Ausstellung zur Teufelskralle (einer südafrikanischen Heilpflanze) und das Projekt zur Wiederansiedlung von Wasserpflanzen in Hamburger Fließgewässern.

Hans-Helmut Poppendieck

15. Februar 2016


Legenden für die Abbildungen:

1. Bildreihe:
Links: Mitttlerer Sonnentau Drosera intermedia aus dem Eppendorfer Moor 1798. Dreves und Hayne, Botanisches Bilderbuch für die Jugend, Band 3
Mitte: Otto Wilhelm Sonder: Flora Hamburgensis 1851
Rechts: Exkursion des Botanischen Vereins nach Zollenspieker um 1910. Von links nach rechts W. Zimpel, P. Junge, J. Fehrs, J. Schmidt, C. Kausch, Kaufmanns. Quelle: Herbarium Hamburgense

2. Bildreihe:
Links: Heimische Lebensräume im Schulunterricht. Wilhelm Heering: Leitfaden für den naturgeschichtlichen Unterricht an Höheren Lehranstalten, 1914
Mitte: Paul Junge: Flora von Hamburg Altona Harburg. 1909.
Rechts: Rudolf Timm beim Botanisieren im Weißmoos Leucobryum glaucum. Sunder, Lüneburger Heide, 1920er Jahre. Quelle: Herbarium Hamburgense

3. Bildreihe:
Links: Verbascum-Probleme. Vereinsexkursion im Forst Rehbrook auf dem Wege von Kupfermühle nach Großhansdorf am 16. Juli 1940. Vorn Mitte Franz Elmendorff. Quelle: Elmendorff-Tagebücher
Mitte: Lotte Findeisen um 1980. Foto: Jürgen Hechler
Rechts: Brombeer-Exkursion nach Elmenhorst (RZ). Von links nach rechts Erich Jahn, Horst Bertram, Hans-Ulrich Höller, Friedrich W.C. Mang, Hans-Helmut Poppendieck, Edgar Walsemann. Foto: Marianne Lenz

4. Bildreihe:
Links: Horst Bertram und Lise Köster im NSG Rothsteinsmoor, um 2006
Mitte: Verbreitung von Adoxa moschatellina in Hamburg. Aus dem Hamburger Pflanzenatlas 2010.

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