Die Flechtenflora in der Hansestadt

Hamburgs Flechtenflora im Wandel: zwischen stetem Rückgang und einseitiger Wiederbesiedlung

Seit dem Rückgang saurer Emissionen wie dem Schwefeldioxid hat sich die Flechtenflora in der Hansestadt deutlich erholt. So zeigen viele Straßenbäume auch in der Innenstadt wieder graue, zitronengelbe oder orangefarbene Flecken und Überzüge. Sogar Strauchflechten kann man wieder finden. Aber das Bild ist trügerisch, denn die Erholung der Flechtenbestände verläuft weitgehend  einseitig zugunsten der sogenannten Nitrophyten. Das sind Arten licht- und nährstoffreicher Standorte wie z.B. Straßenbäume. So sind Vertreter aus den epiphytischen Physcion- und Xanthoriongesellschaften wie Physcia tenella, Phaeophyscia orbicularis, Amandinea punctata, Xanthoria parietina aber auch Evernia prunastri beinahe überall anzutreffen.

Weiterhin im Rückgang begriffen sind dagegen jene Arten, die sowohl auf saure wie auch eutrophierende Emissionen empfindlich reagieren, oder die dem Konkurrenzdruck der nitrophytischer Flechten und Algen einfach nicht gewachsen sind. In diese Gruppe scheint auch eine der bekanntesten borkenbewohnenden Flechten überhaupt zu fallen: Hypogymnia physodes. Robust genug gegenüber mäßig starken sauren Emissionen ist diese Art vielfach zum Emissionsmonitoring benutzt worden. Inzwischen findet man oft nur noch kleine, veralgte Exemplare zwischen den dominierenden Physcia– und Xanthoria-Arten.

Wieder andere Arten erobern die Stadt zurück. So galt Flavoparmelia caperata als verschollen, ist inzwischen aber selbst in zentrumsnahen Quartieren wieder zu finden. Selbst empfindliche Ozeaniker wie die Blattflechten Parmotrema perlatum oder Hypotrachyna revoluta kann man zumindest am Stadtrand finden. Völlig neu hingegen scheint Hypotrachyna afrorevoluta zu sein. Ursprünglich aus Kenia beschrieben, breitet sich diese Flechten inzwischen offenbar aus.

Diese wenigen Beispiele zeigen bereits, wie rasant sich die Flechtenflora Hamburgs wandelt. Entsprechend dringend ist es, diesen Wandel zu verfolgen und zu dokumentieren. Zu diesem Zweck sind mit freundlicher Unterstützung durch die BSU verschiedene Aktivitäten in Angriff genommen worden. Da Flechten – wie Kryptogamen allgemein – oft ein Schattendasein führen, soll vor allem auch das Interesse geweckt werden für eine faszinierende Pflanzengruppe, deren Formen- und Farbenreichtum sich spätestens beim Blick durch die Lupe offenbart. Die rege Beteiligung an einer ersten Exkursion und einem Einführungskurs zur Flechtenbestimmung lassen hoffen, dass sich ein Kreis interessierter Flechtenfreunde bilden wird. Als weitere Anregung sollen einige häufige und interessante Flechten Hamburgs mit Bild und kurzem Steckbrief dargestellt werden:


Obere Reihe:

Amandinea punctata, Caloplaca isidiigera, Circinaria contorta

Mittlere Reihe:

Cladonia ramulosa, Evernia prunastri, Hypotrachyna revoluta,

Untere Reihe:

Lecanora semipallida, Punctelia jeckeri,  und Xanthoparmelia conspersa

Einzeln:

Xanthoria elegans


Amandinea punctata

Es handelt sich um eine sehr häufige Krustenflechte mit grauem Lager und schwarzen, lecideinen Fruchtkörpern. Das heißt, die scheibenförmigen Apothecien sind schwarz und von einem dünnen, schwarzen sogenannten Eigenrand umgeben. Mikroskopieren lohnt: die Ascosporen dieser Art sind braun und zweizellig. Amandinea punctata vermag viele Unterlagen zu besiedeln, wenn diese nur ausreichend eutrophiert und nicht zu sehr beschattet sind. Typischerweise findet man die Art jedoch an Straßenbäumen oder auf den dünnen Zweigen von Büschen, wie z.B. Holunder.

Caloplaca isidiigera

Diese Krustenflechte ist eine Spezialität des Hamburger Elbufers. Sie schmückt mit ihren silber- oder blaugrauen Lagern die allgegenwärtigen schwarzen Schlackesteine. Für weitere Farbtupfer sorgen die orangegelben Apothecien, die man jedoch nur in gut entwickelten Lagern findet. Der vegetativen Verbreitung dienen wohl die isidienartigen Auswüchse der Lageroberfläche. Mikroskopieren lohnt: Die Ascosporen der meisten Caloplaca-Arten sind zweizellig, wobei die beiden Zellen durch eine meist dicke Scheidewand getrennt sind, jedoch durch einen feinen Kanal, der dieses Septum durchbricht, verbunden bleiben.

Punctelia jeckeri

Die Blattflechte unterscheidet sich von anderen parmelia-artigen Sippen durch die punktförmigen Pseudocyphellen. Aus diesen der Durchlüftung des Flechtenlagers dienenden Strukturen entwickeln sich mit der Zeit ebenfalls punktförmige Sorale. Lediglich im Alter können die Sorale auch bortenartig die Ränder der Loben säumen. Im Unterschied dazu sind die Sorale bei der sehr ähnlichen Art Punctelia subrudecta ganz überwiegend bortenartig. Als weiterer Unterschied kommt hinzu, dass die Lager von P. jeckeri in feuchtem Zustand eine grünlichgelbe Färbung annehmen, während jene von P. subrudecta grau(grün) bleiben. Beide Flechten kann man auf Straßen- und Parkbäumen finden.

Evernia prunastri

Diese Strauchflechte wird durch die derzeit herrschenden eutrophierenden Bedingungen gefördert und kommt selbst in innenstadtnahen Quartieren vor. Der blass gelblichgrüne Farbton dieser Flechte beruht auf ihrem Gehalt an Usninsäure, einem der häufigsten Flechtenstoffe. Ähnlich ist Ramalina farinacea, die jedoch auf Ober- und Unterseite blass grünlich gefärbt ist, während Evernia prunastri unterseits weißlich bleibt. Beide Arten trage an den Rändern der Ästchen sogenannte Bortensorale. Im Bild ist neben dem Thallus mit normal blaß grünlichgelber Färbung auch ein rein grau gefärbtes Lager zu sehen, welches zu einer Mangelmutante gehört, der der Flechtenstoff Usninsäure fehlt.

Hypotrachyna revoluta

Diese graulagerige, im Alter auch relativ große und auffällige Blattflechte ist inzwischen fast regelmäßig auf Parkbäumen etc. am Stadtrand, aber auch z.B. im Stadtpark zu finden. Ihren Verbreitungsschwerpunkt hat diese Flechte in montanen Bergwäldern, wird inzwischen aber auch im Tiefland vermehrt nachgewiesen. Sehr ähnlich ist Hypotrachyna afrorevoluta, von der es bestätigte Nachweise aus dem Raakmoor sowie dem Wildpark Eekholt im Landkreis Segeberg gibt. Beschrieben wurde diese Art aus Kenia, doch inzwischen ist sie aus weiten Teilen Europas bekannt geworden. Beide Hypotrachynen waren in Hamburg bislang nicht bekannt. Man kann davon ausgehen, dass zumindest H. afrorevoluta tatsächlich erst in den letzten Jahren eingewandert ist, während die im Tiefland vermutlich schon immer seltene H. revoluta im Hamburger Raum bislang nur übersehen worden war. Die beiden Arten lassen sich anhand der randlich-flächigen Sorale unterscheiden, die bei Hypotrachyna afrorevoluta pustelig aufbrechen, während sie bei H. revoluta gleichmäßig mehlig-sorediös sind. Hinzu kommt, dass bei ersterer die Unterseite der Loben schwarz ist und lange Rhizinen besitzt, während bei letzterer die Lobenunterseite eher eine blass bräunliche Farbe und relativ kurze Rhizinen aufweist.

Cladonia ramulosa

Die Becher dieser braunfrüchtigen Becherflechte sind oft verunstaltet und sprossen aus den Rändern. Die Oberfläche der Podetien ist schuppig berindet. Die Art ist in Hamburg selten und besiedelt magere Rohhumusmöden oder – wie im Bild – die Basis alter Bäume mit tiefrissiger Borke, hier einer Birke. Häufiger sind Cladonia fimbriata und Cladonia pyxidata mit regelmäßigen Bechern und fein mehliger bzw. schollig-warziger Oberfläche.

Circinaria contorta

Besser bekannt als Aspicilia contorta ist diese Krustenflechte ein echter Kulturfolger. Die grauen Flecken am Rande von Gehwegen oder auf Bordsteinen ähneln plattgetretenen Kaugummis und haben der Art den Namen „Kaugummiflechte“ eingetragen. Charakteristisch sind die relativ großen Apothecien mit sehr flachem, lagerfarbenem Rand und schwarzer Scheibe. Derartige Apothecien nennt man auch aspicilioid.

Lecanora semipallida

Auch diese Krustenflechte ist ein Kulturfolger. Das Lager selbst bleibt unauffällig, aber die Apothecien  sind auf Gehwegplatten, Bordsteinen, Dachziegeln etc. oft gruppiert und beinahe überall anzutreffen. Die einzelnen Fruchtkörper sind knapp 1 mm groß und von einem blassem Lagerrand umgeben. Der Farbton des Randes kann zwischen weißlich-grau und blass grau-grün variieren. Wer eine UV-Lampe zur Hand hat und für Dunkelheit sorgt, kann die Apothecien schön orangegelb fluoreszieren lassen. Ursache ist ein Xanthon, ein Naturstoff, der vom Flechtenpilz produziert, im Lagerrand deponiert und von UV-Licht angeregt wird.

Xanthoria elegans

Eine sehr attraktive Blattflechte ist Xanthoria elegans, die mit ihren kleinen, 1-2 cm großen Rosetten aus strahlig angeordneten, schmalen Blättchen vor allem auf Dachsteinen zu finden ist. Zwar werden immer mehr glasierte Dachsteine verwendet – wohl auch, um das als unschön empfundene Aufkommen von Moosen und Flechten zu verhindern – doch fragt sich, ob Mühe und Investition wirklich lohnen, denn Flechten besiedeln bei günstigen Bedingungen selbst altes Fensterglas, Autoscheiben und Plastik aller Art. Da hilft auch kein Kärchern. Im Gegenteil, die frisch gereinigten Flächen laden zur Wiederbesiedlung förmlich ein. Und für die Förderung raschwüchsiger Pionierarten sorgt der Mensch gleich selbst und zwar durch luftbürtige, eutrophierende Emissionen aus der Intensivlandwirtschaft.

Xanthoparmelia conspersa

Xanthoparmelia conspersa bildet große, blattförmige Lager. Die Loben sind blass gelblichgrün gefärbt und liegen relativ locker dem Gestein an. Die Oberfläche des Lagers ist bald von zahlreichen, stiftförmigen Isidien bedeckt. Die Funktion dieser berindeten Auswüchse dürfte in der Oberflächenvergrößerung des Flechtenlagers und/oder in der Verbreitung durch vegetative Diasporen liegen. Der Fund dieser auffälligen Blattflechte auf einem Findling im Park der Klinik Ochsenzoll war überraschend. Und doch zeigt sich an dieser Stelle, wie wertvoll große, alte Parkanlagen in der Stadt sind. Das ausgeglichene Mesoklima und die vielfältige Habitatstruktur bieten vielen Flechten Ansiedlungsmöglichkeiten.

Text und Fotos:
Dr. Matthias Schultz
Biozentrum Klein Flottbek und Botanischer Garten der Universität Hamburg

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