Floristische Kartierung Hamburgs

Viele Mitglieder des Botanischen Vereins, zudem einige Nichtmitglieder, haben mit einer bewunderswerten Intensität die Flora der Freien und Hansestadt Hamburg flächendeckend erfasst. Das Ergenis liegt seit dem Jahr 2010 mit dem Hamburger Pflanzenatlas vor. Voraussetzung und Grundlage der Kartierung war die 1998 ebenfalls unter Federführung des Botanischen Vereins in Zusammenarbeit mit dem Hamburger Naturschutzamt veröffentlichte Rote Liste und Florenliste der Farn- und Blütenpflanzen von Hamburg. Bei der Erarbeitung der Roten Liste wurden Mängel in der verfügbaren Datengrundlage deutlich, die mit der aktuellen Kartierung beseitigt wurden.

Es liegt nunmehr ein Verbreitungsatlas der Flora von Hamburg ( inzwischen in der 2.Auflage)  vor, und eine neu überarbeitete und auf breiterer Datenbasis fußende „Rote Liste“.

Der Hamburger Pflanzenatlas stellt eine „verwackelte Momentaufnahme“ dar,  denn die Daten verwischen sich über den für die Datenerhebung nötigen Zeitraum, in dem in Hamburg viele Flächen bebaut worden sind. Zur Aktualisierung  werden auch weiterhin Pflanzenvorkommen registriert , insbesondere die auf der Roten Liste verzeichneten Arten. Aber auch etwas stiefmütterlich behandelten Gruppen wie den „aquatischen Makrophyten“ und wenig bestimmungsfreundlichen Artengruppen wie Rubus oder Taraxacum sollte besondere Aufmerksamkeit gelten.


Einige Beispiele

Anchusa officinalis (Kreise), Euphorbia cyparissias (Quadrate) und Corynephorus canescens (Dreiecke)

Die Bedeutung der Sekundärtrockenrasen im Hamburger Hafen

Anchusa officinalis (Kreise), Euphorbia cyparissias (Quadrate) und Corynephorus canescens (Dreiecke)

Verbreitung ausgewählter Arten des mageren Grünlandes. Alle hier gezeigten Arten haben ihre ursprünglichen Verbreitungsschwerpunkte auf den warmen Sandstandorten im Elb-Urstromtal von Geesthacht bis Boberg, wo sie wenigstens teilweise in Naturschutzgebieten geschützt sind. Sekundäre Vorkommen mit z. T. sehr großen Beständen befinden sich auf den Sandaufschüttungen im Hafenbereich. Allerdings handelt es sich hier um Standorte, die der Entwicklungsdynamik des Hafens unterworfen und daher nur bedingt erhaltens- und entwicklungsfähig sind. Die Karte macht die Bedeutung dieser Sekundärtrockenrasen für den Pflanzenartenschutz deutlich.


Hordeum murinum (Quadrate), Ailanthus altissima (Kreise) und Diplotaxis muralis (Dreiecke)Wärmeliebende Großstadt-Arten

 

Hordeum murinum (Quadrate), Ailanthus altissima (Kreise) und Diplotaxis muralis (Dreiecke)

Die hier dargestellte Arten besitzen alle hohe Temperaturzeigerwerte und gelten als „urbanophil“. Ihre Verbreitung ist im wesentlichen auf den stark versiegelten Innenstadt- und Hafenbereich beschränkt. In Geesthacht kommt die Mäusegerste auch auf warmen Standorten am Elbhang vor. Alle drei Arten befinden sich in Ausbreitung. Die Abbildung macht deutlich, wie sich das Vorkommen von Pflanzenarten mit dem besonderen Innenstadtklima der Großstadt korrelieren lässt.


Senecio inaequidens (dunkle Quadrate: Funde vor 1996, helle Kreise: Funde seit 1996)Einwanderung neuer Arten: Das Schmalblättrige Greiskraut

Senecio inaequidens (dunkle Quadrate: Funde vor 1996, helle Kreise: Funde seit 1996)

Ausbreitung des Schmalblättrigen Greiskrautes (Senecio inaequidens) in Hamburg 1990-2000. Diese Art trat zum ersten Mal gegen Ende der 1980er Jahre im Hafen auf und hat sich seitdem sprungartig ausgebreitet. Es ist anzunehmen, dass aufgrund der Ausbreitungsdynamik diese Art sogar unterkartiert ist und tatsächlich heute ein wesentlich größeres Areal einnimmt. Diese aus Südafrika stammende Art blüht und fruchtet von Mai bis zum Einsetzen des ersten Frostes und kann so rasch eine enorme Nachkommenschaft aufbauen. In milden Wintern überdauert sie und treibt im Frühjahr wieder aus. Natürliche Feinde fehlen. Die Art kann als Musterbeispiel für sich rasant ausbreitende Neophyten gelten.


Einwanderung neuer Arten: Das Dänische LöffelkrautEinwanderung neuer Arten: Das Dänische Löffelkraut

Das Dänische Löffelkraut (Cochlearia danica) hat sich erst in den 1990er Jahren sprunghaft entlang der Autobahnen ausgebreitet. Es hat sein natürliches Vorkommen an den Stränden der Nord- und Ostsee und wurde vermutlich über Treibsel, das auf Großkompostierungsanlagen verarbeitet und anschließend von den für die Pflege der Fernstraßen verantwortlichen Stellen ausgebracht wurde, verbreitet (Kuhbier [Bremen], mdl.). Die winterannuelle Art kann ihren Lebenszyklus vor der auf den Bundesfernstraßen üblichen Anwendung von Herbiziden abschließen, was zusammen mit ihrer Salztoleranz ihren Erfolg erklären kann. Sie bildet ein Musterbeispiel dafür, wie sich heimische Arten auf vom Menschen geschaffenen Standorten ausbreiten können. Solche Pflanzen bezeichnet man als Apophyten. Die Verbreitung des Dänischen Löffelkrautes zeichnet in Hamburg die Linien der Autobahnen nach, allerdings gibt es auch bereits einige Vorkommen an innerstädtischen Schnellstraßen und im Hafen.


Wald-Bingelkraut (Mercuralis perennis) als Zeigerpflanze für historisch alte WälderAlte Wälder

Wald-Bingelkraut (Mercuralis perennis) als Zeigerpflanze für historisch alte Wälder

Historisch alte Wälder sind in den letzten Jahren stärker ins Interesse des Naturschutzes gerückt, wurden aber für Hamburg bislang noch nicht ausgewiesen. Es handelt sich hierbei um solche Wälder, bei denen sich aufgrund einer kontinuierlichen, größere Eingriffe vermeidenden Bewirtschaftung eine große Zahl von seltenen Arten haben halten können. Während die in den Flächenländern konzipierten übergreifenden Programme (Naturwaldreservate, Altholzinseln usw.) auch in Hamburg sinnvoll sind, werden speziell für den Pflanzenartenschutz in den relativ kleinen Waldgebieten Hamburgs vor allem folgende Maßnahmen vorgeschlagen:

  • Flächenscharfe Erfassung der Bestände mit selten Waldarten und Unterrichtung der Forstdienststellen, um bei waldbaulichen Maßnahmen zufällige Zerstörung der Populationen zu vermeiden (vgl. dazu Corydalis intermedia).
  • Wald- und bodenschonendes Holzrücken durch Pferdegespanne, insbesondere auf frischen oder feuchten Böden.
  • Vermeidung flächendeckender Kalkungen, zumindest Aussparung der für den Naturschutz wichtigen Bereiche.
  • Differenzierte Pflegeprogramme zur Erhaltung historischer Waldnutzungsformen (z.B. Krattpflege im Stellmoorer Tunneltal).
  • Ausweisung von möglichst groß bemessenen Alt- und Totholzinseln mit Nutzungs- und Pflegeverzicht.
  • Wegen der langen Entwicklungszeiträume fast aller Waldarten und -Standorte ist bei Schutzprogrammen besonderes Augenmerk auf deren langfristige Wirksamkeit zu legen.

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